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Gewerbeschule

Parade 2

Das Gebäude wurde in den Jahren 1924/25 nach Entwürfen von Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck als erster reiner Gewerbeschulbau Lübeck errichtet. Er stößt an seinem westlichen Ende in der Dankwartsgrube an die bereits in den 1870er Jahren erbaute „Reimannsche Privatschule“ an, mit der er auch funktional zusammengelegt wurde.

Vircks Entwurf ist noch dem Heimatschutzstil verbunden, wie er am anderen Ende der Parade im Gesellenhaus (1904 von Carl Mühlenpfordt geplant) deutlich wird, auf das sich Virck unter städtebaulichem Aspekt vermutlich bezogen hat. Gleichwohl versieht er das Gebäude mit einem zeitgenössischen und augenfälligen Ziegeldekor. Den Giebel zur Parade überzieht ein erhaben aus der Fläche tretendes rautenförmiges Gitter aus lasierten Ziegeln sowie plastischer Schmuck in Gestalt von zwei Figuren, die Allegorien auf das Lehrwesen im Baugewerbe darstellen. Der Doppeladler weist das Gebäude als städtische Institution aus. Figuren und Doppeladler stammen aus der Hand Richard Kuöhls, des Plastikers, der zahlreiche norddeutsche Bauten des Klinkerexpressionismus mit seinem figürlichen Dekor versehen hat (s. auch Handelshof Lübeck, Am Bahnhof).

Im Gebäudeinneren sind noch zahlreiche historische Strukturen vorhanden, wie Windfänge, Fenster, Klinkerböden, Türgriffe oder Treppengeländer. Besonders hervorzuheben ist ein Buntglasfenster von 1926 des zeitgenössischen Kunsthandwerkers Ervin Bossanyi, das im Windfang zur Parade hin eingebaut ist. Es zeigt einen Lehrmeister und seinen Lehrling, wie sie zusammen an einem Glasfenster arbeiten, auf dem Maria mit dem Kind dargestellt ist (Denkmal seit 2004).

Entwurf: Friedrich Wilhelm Virck

 

 

Der norddeutsche Klinkerexpressionismus

In Anlehnung an den Heimatschutzstil und unter Beeinflussung der modernen Architekturauffassung des Bauhauses griffen auch Lübecker Verwaltung und Architektenschaft den sich in den 1920er Jahren in Norddeutschland entwickelnden sogenannte Backstein- oder Klinkerexpressionismus für Neubauten auf. Diese wurden im Anschluss an die Inflationsjahre nach 1923 zunächst von öffentlich-kommunaler Seite in Auftrag gegeben und belebten das Lübecker Stadtbild sowohl durch ihre Materialität als auch durch eine innovative Fassadengestaltung bis heute.

Unter Verwendung dunkler Ziegel, die in unterschiedlichen Brandvariationen eine heterogene Oberfläche zu schaffen vermögen, wurden sachlich-funktionale Bauten errichtet, deren äußere Flächenhaftigkeit durch eine phantasievolle Verwendung von Ziegel und Klinker aufgebrochen wurde. So finden sich zu unterschiedlichsten geometrischen Mustern vermauerte, flächig eingefügte Ziegelsteine im Wechsel mit spitz und kantig oder wie gefaltet hervortretenden Gesimsen, Lisenen, Rahmungen, Gittern, Rauten und Friesen sowie weiteren exponiert und z. T. farbig abgesetzten Dekorelementen an den Hausfassaden wieder. Auch figürliche und ornamentale Elemente kamen in reduzierter und akzentuierter Weise zum Einsatz und verstärken den so tatsächlich entstehenden expressiven Gebäudecharakter.

Nahezu alle diese Bauten zeichnet ein vertikaler, stark in die Höhe strebender Zug aus, der häufig durch übereinanderliegende Fensterachsen und diese flankierende, aus der Fläche heraustretende Bänder hervorgerufen wird. Manchmal findet die vertikale Tendenz der Gebäude ihren oberen Abschluss in einem schlanken, spitzen Dreiecksgiebel, häufiger jedoch durch ein Flachdach bzw. abgetreppte Obergeschosse.

So wie Fritz Schumacher und Fritz Höger als namhafte Repräsentanten des Hamburger Backstein-Expressionismus genannt werden, gab es auch in Lübeck Vertreter unter der Architektenschaft und von amtlicher Seite aus, die mit diesem Baustil verbunden sind. Es sind dies u. a. Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck, die Architekten Lenschow, Runge, von Ladiges sowie die zeitgenössischen Künstler Richard Kuöhl und Ervin Bossanyi, die im gesamten norddeutschen Raum für ihre bauplastischen und künstlerischen Beiträge am Äußeren und im Inneren der Bauten jener Zeit bekannt geworden sind.

 

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